Der Typische Läufer

Ich laufe also bin ich...

...aber was denn nun genau? Als ich vor Jahren mit dem Laufen anfing hatte ich ein Bild im Kopf. Ein Bild vom idealen Läufer. Ein Bild davon, wie ich aussehen und sein würde, wenn ich regelmäßig weiter lief. Ich sah ein athletisches Wesen, das ohne große Anstrengung über den Asphalt und die Wiesen schwebt und dabei den Boden nur unmerklich berührt. Ich sah einen definierten Körper, eine sportliche Statur. Ich sah Sehnen und Muskeln, die sich während des Laufens elegant bewegten. Ich sah etwas, das ich heute, auch nach Jahren als aktive Läuferin, nicht bin und wahrscheinlich auch niemals sein werde. Warum das völlig okay ist? Ich verrate es euch...

"Ideale sind wie Sterne. Man kann sie nicht erreichen, aber man kann sich nach ihnen orientieren."

Ich amüsiere mich immer wieder gerne über den ungläubigen Gesichtsausdruck mancher Leute, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich Marathon laufe. Zuletzt hatte ich so ein Erlebnis auf einer Hochzeit bei der ich letzten August zu Gast war. Am etwas späteren Abend unterhielt ich mich im kleinen Kreis mit einer ehemaligen Kollegin und irgendwann kamen wir auf das Thema Freizeitgestaltung. Als ich ihr von meiner Begeisterung fürs Laufen und der geplanten Teilnahme an meinem dritten Marathon erzählte, stand ihr die Verwunderung deutlich ins Gesicht geschrieben. In ihren Augen konnte ich einen gewissen Unglauben sehen. Das war nicht das erste Mal, das mir sowas passierte. Den gleichen Blick hatte ich bereits bei neuen Kollegen oder sonstigen Bekanntschaften gesehen, wenn ich von meiner Leidenschaft fürs Laufen berichtete. Dieser Gesichtsausdruck hat überhaupt nichts Böses an sich. Im Gegenteil! Denn nach dem Erstaunen kam meist so etwas wie Anerkennung oder manchmal sogar Bewunderung meiner Leistung. Trotz oder vielleicht gerade, weil ich nicht dem Idealbild eines Läufers entspreche. Aber wie sieht dieses Idealbild denn überhaupt aus? Woher kommt es? Und ist es heutzutage noch realistisch? Diesen Fragen möchte ich in meinem heutigen Artikel nachgehen. 

Definition

Wenn man im Netz nach Definitionen für den Begriff des Läufers sucht, bekommt man nur mäßig zufriedenstellende Ergebnisse. Hier ein Auszug:

  • Jemand, der das Laufen als sportliche Disziplin betreibt, an einem Laufwettbewerb teilnimmt. (Duden)
  • Jemand, der an Wettrennen teilnimmt. (Google)
  • Eine Person, die eine Disziplin einer Laufsportart ausübt. (Wikipedia)

Auch die Suche nach dem Begriff des Marathonis fördert nicht unbedingt bessere Ergebnisse zutage. In keiner der Definitionen findet man nähere Informationen darüber, wie so ein Läufer oder Marathoni, denn nun genau beschaffen sein sollte um seinen Sport ausüben zu können. Komisch... Warum haben dann so viele Menschen ein vorgefertigtes Bild im Kopf wie ein Läufer aussehen sollte oder wie er sich verhalten sollte? Die Antwort darauf ist denkbar einfach. Egal wie sehr man auch versucht sich dagegen zu wehren. Wir alle denken in gewissen Schubladen. Manche Leute haben mehr und manche weniger. Die Einteilung in Stereotypen ist also etwas völlig normales. Außerdem denkt man natürlich oft an Spitzensportler, die beim Laufen neue Rekorde aufstellen und Medaillen sammeln. Aber nicht jeder Läufer ist gleich ein Spitzensportler. Die Mehrheit der Läufer jagt keine Plätze auf dem Siegertreppchen. Deshalb wird es höchste Zeit in den Schubladen etwas aufzuräumen.

Stereotyp

Widmen wir uns nun der Frage: Wie sieht der Stereotyp des Läufers aus, den viele Leute fälschlicherweise im Kopf haben? Was macht er? Wie verhält er sich? Die Dinge, die ich hier zusammengetragen habe, erheben keinesfalls den Anspruch wissenschaftlich fundiert oder vollständig zu sein. Ich kann dabei nur von meinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen ausgehen. Bestimmt könnt ihr die Liste mit euren eigenen Erfahrungen noch um weitere Punkte ergänzen. 

 

Der typische Läufer

  • ist ein einsamer Wolf
  • lebt  nur für den nächsten Wettkampf
  • ist immer auf der Jagd nach seiner nächsten PB
  • zieht seine Laufrunde einem Treffen mit Freunden vor
  • ist verbissen
  • redet am liebsten nur übers Laufen
  • achtet akribisch auf seine Ernährung
  • trainiert ständig auf sein ideales Wettkampfgewicht hin
  • ist ein Partymuffel, weil Alkohol im Training zu Defiziten führen kann
  • gönnt sich nichts

Wenn ich mir diese Liste so anschaue, bin ich ehrlich gesagt fast froh darüber, dass die meisten Menschen überrascht reagieren, wenn ich von meiner Laufleidenschaft erzähle. Denn mit den oben aufgeführten Punkten kann ich (zum Glück) relativ wenig anfangen. Allerdings ist es ja auch so, dass beim Stereotyp immer alles etwas überspitzt dargestellt wird. Von daher möchte ich die Punkte nochmal einer genaueren Betrachtung unterziehen um beurteilen zu können, was davon auf mich zutrifft oder eben nicht.

Läufer: Ein verbissener Partymuffel, der sich nichts gönnt?

Ich gönne mir worauf ich Lust habe. In diesem Fall eine leckere Zimtschnecke.
Ich gönne mir worauf ich Lust habe. In diesem Fall eine leckere Zimtschnecke.

Bin ich verbissen? Also ich würde sagen Nein. Oder wenn ich ganz ehrlich bin, vielleicht eher Jein. Phasenweise kann das schon mal vorkommen. Vorwiegend dann, wenn ich mich in der Vorbereitung für einen Wettkampf befinde. Dennoch stellt das Training auch dann nicht meinen kompletten Lebensinhalt dar. Es kann zwar vorkommen, dass ich tatsächlich mal eine Verabredung zugunsten eines - für mich wichtigen - Long Runs cancele, aber die Regel ist das auf keinen Fall. Was haben wir noch? Achja, bin ich ein Partymuffel? Manchmal, würde ich sagen. Nicht mehr und nicht weniger als andere. Wenn ich Bock hab zu feiern mach ich das, aber natürlich mache ich es nicht gerade am Abend vorm Marathon. Das versteht sich von selbst. Nicht weil ich auf der Jagd nach meiner neuen PB bin - auch wenn das natürlich auch vorkommt - sondern weil ich es möglichst vermeiden möchte beim Laufen zu kotzen von zuviel Alkohol am Vorabend. Wie sieht es in Sachen Ernährung aus? Ja, ich achte auf meine Ernährung. Das habe ich aber schon immer getan. Nicht erst seit dem Laufen. Dass ich darauf achte, heißt nicht automatisch, dass ich mir alles verbiete. Im Gegenteil. Der Motor braucht ja schließlich Benzin und Pizza und Pommes gehören für mich einfach dazu. Auf ein optimales Wettkampfgewicht hab ich bisher tatsächlich nie geachtet. Ich habe mich viele Jahre lang von einer Waage geißeln lassen und Dank dem Laufen muss ich das nicht mehr. Was steht noch auf der Liste? Der einsame Wolf. Ein Klassiker. Die Antwort? Ein eindeutiges Jein. Ich liebe es alleine zu laufen. Ich kann mich ganz auf mich konzentrieren und kriege den Kopf so richtig frei. Genauso liebe ich es aber auch gemeinsam zu laufen. Egal ob mit Tobi, meiner Schwester, meinem Paps oder mit wildfremden Leuten auf Veranstaltungen. Das Wir-Gefühl beim Laufen fühlt sich einfach toll an. Zu guter letzt: Redet am liebsten übers Laufen. Tja, schuldig im Sinne der Anklage! Ich stehe dazu. Ich liebe es einfach übers Laufen und meine damit verbundenen Erlebnisse und Träume zu reden. Genau deshalb schreibe ich ja auch diesen Blog. Also wenn ich mir das so anschaue treffen ein paar dieser typischen Merkmale also tatsächlich auf mich zu, wenn auch nicht zu 100%.

Der Schein trügt

Obwohl ich mich also zumindest teilweise für einen Läufer typisch verhalte, wirke ich allem Anschein nach trotzdem nicht wie eine waschechte Läuferin. Aber warum? Ganz einfach. Die Menschen haben genau das gleiche äußere Erscheinungsbild im Kopf, wie ich damals. Drahtig, sehnig, athletisch. Ich dachte so würde ich mal aussehen. So sehen Läufer doch aus. Oder nicht? NEIN DAS TUN SIE NICHT! Oder besser gesagt: So müssen sie nicht aussehen. Natürlich gibt es die drahtig-sehnigen Läufer an denen kein Gramm Fett zuviel ist. Aber es gibt auch genug Läufer - und JA, auch Marathonis - die einfach eine ganz normale Statur haben und hier und da vielleicht auch noch ein paar Extrapfündchen. Und NEIN, deshalb sind sie nicht zwangsläufig langsamer als ihre durchtrainierten Kollegen. Wie sieht es bei mir aus? Diesen drahtigen Körper, den ich mir vor Jahren vorgestellt habe, habe ich nie bekommen. Und das obwohl ich während meiner Wettkampfvorbereitung schon mal bis zu fünf mal in der Woche laufen gehe und zusätzlich noch Fitnessübungen mache. Ich könnte ihn bekommen, wenn ich bereit wäre noch mehr dafür zu tun. Noch härter zu trainieren. Meine Ernährung mehr zu reglementieren. Aber das will ich nicht. Ich bin sportlich und fit. Ich laufe und fühle mich gut dabei. Ich steigere mich. Ich habe schon viel erreicht und werde noch viel mehr erreichen. Es ist mir mittlerweile egal, dass ich diese kleinen Schwabbelstellen an meinen Oberschenkelinnenseiten nicht weg bekomme. Oder dass mein Po beim Laufen immer ein bisschen mitwippt. Und auch meine Love-Handles, die sich dann und wann mal über den Hosenbund schummeln sind völlig ok. Trotz all dieser Dinge, bin ich eine Läuferin.

Realitäts-Check

Drahtig sieht anders aus, aber das ist mir egal. Ich bin happy mit meinem Lauf-Body.
Drahtig sieht anders aus, aber das ist mir egal. Ich bin happy mit meinem Lauf-Body.

Am Ende ist es doch so: Am Wichtigsten ist, wie du dich selbst siehst. Genauso wie andere ein vorgefertigtes Bild von uns Läufern haben, habe ich ein vorgefertigtes Bild von Tennisspielern, Golfern oder Fussballern. Keiner kann sich so wirklich davon freisprechen in Stereotypen zu denken. Und das ist auch ok. Denn, dass andere in mir nie oder zumindest nicht gleich die Läuferin gesehen haben, war für mich nie von Nachteil. Im Gegenteil. Es ist doch schön wenn man die Menschen überraschen kann. Und ich glaube am Ende sind es oft gar nicht die top durchtrainierten Sportskanonen, die andere dazu motivieren selbst mit dem Laufen anzufangen, sondern eher solche Normalos wie du und ich. Menschen die man anguckt und denkt: "Hey, wenn sie das kann, dann kann ich das doch auch schaffen." Das ist zumindest meine Erfahrung und ich freue mich über jeden, den ich auf meinem bisherigen Weg inspirieren und motivieren konnte.

"wer sich ständig mit anderen vergleicht, wird vor allem eines: gleicher."

Läufer gibt es in allen Formen und Größen. Jeder hat seine eigene Geschichte und sein eigenes typisches Verhalten. Natürlich gibt es Überschneidungen, aber gerade diese Vielfalt macht das Laufen für mich umso schöner. Es gibt keine Grenzen mehr. Jeder kann Laufen. Das ist das Schöne! Und jeder sollte genau der Läufer sein dürfen, der er eben ist. Denn wie langweilig wäre das leben, wenn wir alle gleich wären.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass ich denke, dass sich das Bild von uns Läufern im Laufe der Jahre bereits verändert hat. Und zwar zum Positiven. Wir mögen manchmal einsame Wölfe sein, aber auch ein Wolf braucht sein Rudel. Wir leben für unsere Wettkämpfe, aber die Wettkämpfe sind nicht unser Leben. Wir geben viel, aber dafür gönnen wir uns auch viel. Und wir wollen feiern, am liebsten den Sieg. 

 

Liebste Laufgrüße

Eure Julia

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Kommentare: 2
  • #1

    Jochen (Samstag, 26 November 2016 14:14)

    Sehr cooler Beitrag! Über deine obige Checkliste habe ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. Allerdings trainiere ich dafür, den Marathon in (unter) 3 Stunden zu laufen. Und bei diesem Ziel ist es einfach so, dass fast alles aus der Checkliste doch zutrifft. Anders geht es vielleicht auch nicht. Ganz nach deiner von dir ergoogelten Definition eines Läufers: Jemand, der den Sport mit Disziplin ausübt. Aber ehrlich gesagt, freue ich mich schon auf den Tag, an dem ich die Verfolgung dieses Ziels entweder erreicht hab, oder es sein lasse! Dein Beitrag hat mich jedenfalls zum Nachdenken bewegt. Grüße, Jochen

  • #2

    Robert (Samstag, 03 Dezember 2016 22:35)

    Hallo Julia,
    sehr schön geschrieben. 110% Zu- und Übereinstimmung, mindestens :-)

    Zum Thema Stereotypen: Ich meine mal gelesen (oder war es TV?) zu haben, dass das bilden von Stereotypen bzw. das packen von anderen Menschen in Schubladen evolutionär bedingt ist. Denn damals musste man schon von weitem entscheiden: Freund oder Feind? Im Zweifel war das entscheidend über Leben und Tod.